Sonja

Berlin

Franzi

MĂŒnchen

“Ist doch super, mit Mitte 20 schon Geschichten im Großmutterstil parat zu haben.”

ZZZ

Aus der Blog-Serie “Elternsein und Elternwerden in Coronazeiten”:

Schwanger mit dem 1. Kind, kurz vor der Entbindung und das zu Corona-Zeit? Welche Sorgen umtreibt sie? Welche Gedanken macht sie sich? Wir haben uns in unserem Kundenkreis umgehört. Hier berichtet Jana, Schwanger im 10. Monat, Berlin-Moabit.

Windelei: Wir erleben gerade eine absolute Umkehr unseres Soziallebens – die wohl sogenannten „unsichere Zeiten“. Und du bekommst dein 1. Kind, Dein errechneter Geburtstermin war der 14.4. – wie fĂŒhlt sich die Situation an fĂŒr dich?

Jana: Es ist wirklich verrĂŒckt, ausgerechnet in dieser Zeit ein Baby zu bekommen. Zwei Ereignisse, die mich manchmal ĂŒberfordern und die ich noch nie zuvor erlebt habe, zeitgleich zu durchleben, ist ziemlich anspruchsvoll. Es ist aber wunderschön, zu bemerken, was fĂŒr ein wahnsinnig tolles, aufmerksames Umfeld ich habe. Alle meine Freund*innen und auch viele Bekannte melden sich regelmĂ€ĂŸig bei mir und bieten mir an, fĂŒr mich einkaufen zu gehen oder fragen nach, wie sie mich unterstĂŒtzen können. Die zwangslĂ€ufige Entschleunigung meines Alltags nun zum Ende der Schwangerschaft nehme ich tatsĂ€chlich als bereichernd war – ich glaube, ich komme so gerade mehr zur Ruhe als unter gewöhnlichen UmstĂ€nden. NatĂŒrlich kommen mir manchmal auch Szenarien in den Kopf, wie ich völlig isoliert und hilflos mit einem SĂ€ugling in meiner Wohnung gefangen bin – dann versuche ich mir vorzustellen, wie wir in zehn Jahren erzĂ€hlen können, was fĂŒr schwere Zeiten das waren. Ist doch super, mit Mitte 20 schon Geschichten im Großmutterstil parat zu haben.

Humor mit dickem Bauch: Tiefbau(ch)
Passender Hintergrund im 10. Monat: “Tiefbau Bauch”.

Windelei: Wie gehst du derzeit mit dem Corona-Social-Distancing um? Welche Gedanken machst du dir wegen deines Kindes?

Jana: Ich nehme das social distancing sehr ernst. Solange es mir psychisch noch gut damit geht, möchte ich Kontakt meiden. Ich wohne aber in einer WG und ohne die wĂŒrde ich ziemlich sicher jetzt etwas anderes sagen. Ich gehe auch jeden Tag alleine spazieren. Da ich ja weiß, dass ich in den nĂ€chsten Tagen in ein Krankenhaus gehen werden muss, kĂ€me es mir Ă€ußerst verantwortungslos vor, eventuell infiziert zu sein. Dass das Baby mit seinem kaum vorhandenen Immunsystem eine potentielle Infektion vielleicht doch nicht so gut weg steckt, wie es in den Medien behauptet wird, macht mir die grĂ¶ĂŸten Sorgen. Daher empfinde ich es als sinnvoll, diese Kontaktsperre auch nach der Geburt ernst zu nehmen, und gleichzeitig frage ich mich, ob sich dann fĂŒr mich auf Dauer nicht ein GefĂŒhl des Alleingelassen seins einstellt.

Windelei: Wie stellst du dir die Geburt und euer Wochenbett vor? Was hast du schon alles organisiert, was lÀsst du auf dich zukommen?

Jana: Meine hauptsĂ€chliche Organisation bestand eigentlich darin, mir selbst zu vermitteln, dass ich eh nichts organisieren kann. Ich habe Kleidung, Windeln und ein Tragetuch fĂŒr das Baby – und noch mehr Sachen, natĂŒrlich, ich habe so viel geschenkt bekommen. Und ich habe einen leeren Terminkalender. Also ich bin bereit fĂŒr schlaflose NĂ€chte. Ich habe mir auch eine analoge Kamera gekauft – das war mir wichtig, dass man die Entwicklung des Babys zwar dokumentiert, aber nicht so ĂŒberbordend, wie das schnell passiert, wenn man immer mit dem Handy fotografiert.

Die Geburt stelle ich mir gar nicht vor – die wird so, wie sie wird, und das ist dann auch okay. FĂŒr das Wochenbett ist mir am wichtigsten, dass ich ein frisch bezogenes Bett habe, wenn ich aus dem Krankenhaus komme. Alles andere wird sich ergeben.

Windelei: Du bist Alleinerziehend. Darauf konntest du dich schon mit der Schwangerschaft einstellen. Gibt es Dinge die Dir da vielleicht mehr Angst oder Gelassenheit bringen als in einer Partnerschaft?

Jana: Gelassenheit insofern, dass es mich mit Sicherheit sehr viel mehr stressen wĂŒrde, mit einem Menschen zusammen zu sein, in den ich nicht verliebt bin – nur wegen des Kindes. Also im Kontext dieses konkreten Kindes mit diesem konkreten Mann gibt es keine andere Option als alleinerziehend. Wobei es ja auch zwei Formen von alleinerziehend gibt, getrennt erziehend oder eben, wenn wirklich nur ein Elternteil Verantwortung ĂŒbernimmt. Da letzteres bei mir scheinbar der Fall sein wird, frage ich mich manchmal, wie das mit zunehmendem Begreifen des Kindes wohl werden wird – ich selbst kann sehr schlecht mit Ablehnung umgehen und denke, dass es besonders unbegreiflich und verletzend ist, wenn man vom eigenen leiblichen Vater abgelehnt wird, weil die UmstĂ€nde unpassend sind, fĂŒr die man selbst als Kind nun wirklich nicht verantwortlich ist.

“Die grĂ¶ĂŸte Angst der Frauen ist, dass die Partner nicht mit in den Kreißsaal dĂŒrfen.”

ZZZ

Aus der Blog-Serie “Elternsein und Elternwerden in Coronazeiten”:

Traumberuf Hebamme: Babys in diese Welt hineinhelfen, MĂŒtter und Eltern begleiten. Und jetzt: Abstand und gleichzeitig neue Ängste bei den Frauen besprechen. Wir haben uns in unserem Hebammenumfeld umgehört. Hier berichtet Hebamme Cornelia, besucht mal ihren Instagram-Account Frau Hebamme:

Windelei: Wie hat sich deine Arbeit verÀndert als freiberufiche Hebamme?

Cornelia: Meine Arbeit verĂ€ndert sich derzeit extrem, unter anderem dĂŒrfen wir jetzt Telemedizin nutzen. Ich habe meinen Frauen eine Email geschrieben, dass sie sich einen bestimmten Videodienst herunterladen sollen, ĂŒber den wir verschlĂŒsselt in Kontakt bleiben können. Meine schwangeren Frauen versuche ich nach Möglichkeit nur noch darĂŒber zu betreuen. Zum einen um mein persönliches Risiko zu minimieren, mich nicht anzustecken, zum anderen zum Schutz meiner Frauen, auch hier eine Weitergabe des Virus hier zu vermeiden. Meistens geht das auch, aber wenn ich merke, dass ein Treffen notwendig ist, weil ich einige Handgriffe an der Frau durchfĂŒhren muss oder weil die Frauen bestimmte Therapien wie Kinesiotaping brauchen, fahre ich natĂŒrlich auch weiterhin raus.
Im frĂŒhen Wochenbett fahre ich natĂŒrlich zu meinen Frauen. Auch ihnen sage ich, dass sie Besuche stark einschrĂ€nken sollen. Ich empfehle ihnen, dass nur noch die Eltern bei meinem Besuch anwesend sind und bitte 2m Abstand halten, wenn es möglich ist. Das geht natĂŒrlich nicht wenn ich die Mutter oder das Baby untersuche. Die Hygienevorschriften habe ich nochmal höher fĂŒr mich selber gesetzt, als eh schon:  So trage ich jetzt immer einen Mund-Nasen-Schutz beim Arbeiten und habe meine geliebte schöne Hebammentasche gegen eine leichter zu desinfizierende Plastikbox getauscht. 

Hebamme mit Mundschutz
Mit Mundschutz zur Mutter und Baby unterwegs

Wenn ich merke, dass nicht mehr so viele körperliche Untersuchungen notwendig sind, versuche ich auch die spĂ€ten Wochenbetten auf Videotelefonie umzustellen. Außerdem habe ich allen meinen Frauen im Wochenbett gesagt, sie sollen sich eine Babywaage besorgen, weil ich auch fĂŒr den Fall der FĂ€lle, dass ich selber in QuarantĂ€ne muss, vorsorgen möchte. Sollte ich mich also infizieren, aber vielleicht nur leichte Symptome haben, kann ich sie so weiterhin per Videotelefonie betreuen.

Windelei: Und was hat sich im Kreißsaal geĂ€ndert?

Cornelia: In meinem Kreißsaalarbeit ist es jetzt, dass nur noch eine genannte Person mit in den Kreißsaal und zu Besuch kommen darf. Das ist meist der Vater. Ich muss sagen, dass sich das bei uns sehr positiv auswirkt. Es tut den Frauen gut, da sie viel mehr Ruhe haben, um ihr Neugeborenes kennenzulernen. Außerdem entlastet uns das als Personal total, weil wir merken, dass wir deutlich weniger Diskussionen fĂŒhren mĂŒssen zum Beispiel mit Leuten, die am liebsten schon direkt nach der Geburt in den Kreißsaal hinein wollen, um Mutter und Kind zu sehen. Und genau das fĂ€llt jetzt weg.

Die VĂ€ter dĂŒrfen bei der Geburt bei uns dabei sein und einmal am Tag fĂŒr eine Stunde zu Besuch kommen. Die Familienzimmer bieten wir weiterhin an.

Ansonsten werden die Babys geboren wie immer. Wir haben auch nicht weniger zu tun, auch deshalb ist die Kreißsaalarbeit gleich geblieben. Dennoch muss ich betonen, dass auch fĂŒr uns die Situation dynamisch ist. Das heißt wir passen uns immer wieder den eventuell neuen Regeln an. Zu Beginn eines jeden Dienstes gehört es fĂŒr mich mittlerweile dazu, einmal zu schauen, wie die aktuellen Regelungen sind.

Windelei: Welche Sorgen haben die Frauen, die kurz vor der Geburt stehen derzeit? Wie gehst du damit um?

Cornelia: Die grĂ¶ĂŸte Angst der Frauen ist, dass die Partner nicht mit in den Kreißsaal dĂŒrfen. Da das ja bei uns gestattet ist, kann ich ihnen diese Angst schnell nehmen. Viele Schwangere haben auch Sorge sich selber zu infizieren. Meist besprechen wir diesen Umstand, sie sind selber gut informiert, schließlich sieht es bislang so aus, dass sie nicht zur Risikogruppe gehören. Ich nehme ihnen das ab, indem ich lange und in Ruhe mit ihnen ĂŒber ihre Ängste rede und sie ĂŒber die Sachebene versuche zu erreichen. Das funktioniert meist sehr gut.

Hebamme Cornelia
Hebamme Cornelia – ein LĂ€cheln auch in schwierigen Zeiten

Windelei: Was stimmt dich positiv?

Cornelia: Was mich persönlich positiv bleiben lĂ€sst ist zum einen die Welle an SolidaritĂ€t, die man jetzt erlebt. Ich bin selber Mama und habe meinen 1,5 jĂ€hrigen Sohn, der genauso lacht und genauso SpĂ€ĂŸe macht, wie sonst auch. Da sieht man einfach: Kinder zeigen einem worauf es ankommt. Die sind trotzdem fröhlich und freuen sich ĂŒber den Sonnenschein und das lĂ€sst mich positiv bleiben. Genauso im Beruf: Die Eltern freuen sich riesig ĂŒber ihr Kind und das ist einfach was Gutes in unserem Job. Das ist einfach schön zu sehen und hilft einem weiterzumachen.

Windelei: Was glaubst du, was sich persönlich Àndern wird nach der Pandemie?

Cornelia: Ich erhoffe mir durch die Coronakrise, dass Berufe die jetzt als systemrelevant eingestuft werden, endlich auch einen Schub erhalten, was Bezahlung, was gesellschaftliche Anerkennung angeht. Sonst sind diese Berufe nur durch schlechte Bezahlung, schlechte Arbeitszeiten und damit nicht die tollsten Bedingungen in den Köpfen gewesen. Und vielleicht bleibt davon ja auch ein wenig hÀngen.